Plan 12 - Köln

Das Glück in der Nische

Mit "plan 12", der Architektur-Biennale Köln, sucht die lebenswerte Stadt nach sich selbst. Es geht um ungehobene Schätze im Stadtbild, die Kunst soll helfen, sie zu finden.
Small is Beautiful:Die Kölner Architektur-Biennale

Graft: Entwurf von Birdeye, Null-Energie-Haus in Malaysia

Die Landschaftsgärtner von Atelier le Balto wollen einen Parkplatz in Köln-Ehrenfeld in einen imaginären Garten verwandeln.

Doch vor die Traumlandschaft hat ein vergesslicher Autofahrer seinen Volkswagen gestellt. Mit einem kleinen Hubwagen rücken ihm die Gartenkünstler ans Blech, wuchten ihn etwas in die Höhe und ziehen ihn – mit zwei Damen als Gewichten am leichteren Heck – die entscheidenden Meter aus dem Weg. Jetzt kann die Parkplatzreihe mit Holzschnitzeln aufgeschüttet und als elegantes Podest für die beiden Buchen vor Ort gestaltet werden. Später strecken noch unsichtbare Pflanzen statt ihrer Köpfe nur die Beipackzettel aus dem Boden – fertig ist der Pflückgarten.

Diese künstlerische Begrünung steht nicht von ungefähr auf dem Heliosgelände in Köln-Ehrenfeld. Hier hat eine Bürgerinitiative verhindert, dass auf dem alten Fabrikareal ein gesichtsloses Einkaufszentrum errichtet wurde – ein idealer Platz, fanden die Macher des Kölner Architekturfestivals "plan 12", um Anwohner zum Mitmachen zu animieren und die grüne Parzelle im Straßenbild als kleines Glück zu inszenieren. Bei "plan 12" gehörte die Bürgerbeteiligung schon immer zum Arsenal, und auch die Kunst als Türöffner für kreative Prozesse war hier stets präsent. Kein Wunder: Künstler wissen meist als Erste, wo es billigen Wohn- und Arbeitsraum gibt, und verändern durch ihre bloße Präsenz das Gesicht der Nachbarschaft.

In den 37 "plan 12"-Projekten geht es vom 21. bis 28. September um alles, was Stadtbewohner angeht: den Klimawandel, kollektive Bauherrenmodelle, urbane Graswurzelbewegungen, die Umnutzung öffentlicher Flächen und um vieles andere mehr. Das über ganz Köln verteilte Festival ist im besten Sinne kleinteilig und findet so im Stadtbild seine Nischen; seine Losung könnte auch "Small Is Beautiful" heißen. Dagegen fand Tobias Zielony im "Le Vele di Scampia" (dt. "Die Segel von Scampia") getauften Wohnkomplex vor den Toren von Neapel ein unfreiwilliges Mahnmal für das Scheitern allzu großspuriger Architekturentwürfe. Er schoss hier mit seiner Kamera 7000 Fotos und setzte sie anschließend zu einem wie in den Anfangstagen des Kinos ruckelnden Film zusammen. Auf diese Weise fing er die gespenstische Stimmung ein, die wohl jeden Besucher angesichts dieses Hauptwerks des sozialen Wohnungsbaus befällt: In den sechziger und siebziger Jahren errichtet, stehen die sieben Segel aus Beton und Stahl heute im harten Wind von Verwahrlosung und Kriminalität (Design Quartier Ehrenfeld).

Auf die Ausstellung im AIT Architektursalon Köln (Barthonia Forum, Vogelsanger Straße 70) passt hingegen das Motto "Global denken, lokal handeln". Das deutsche Architekturbüro GRAFT zeigt ihre in aller Welt (und gelegentlich für Brad Pitt) entstandenen futuristische Konzepte, die sich auf hiesige Verhältnisse übertragen lassen: ein Null-Energie-Haus in Malaysia beispielsweise oder ein Solarkiosk in Afrika. In der anregenden Schau finden sich Architekturmodelle neben Bildsimulationen und in der Mitte ein Flohmarkt aus Mitbringseln und Fundstücken, die den Architekten als Inspirationsquelle dienen. Man fragt sich, wie eine Maschinenpistole Marke Kalaschnikow als Gedankenstütze in ein Architekturbüro gelangt, und erhält vielleicht beim Werkvortrag von Thomas Willemeit eine Antwort.

Die Kunst wird bei "plan 12" ausdrücklich nicht als Feigenblatt einer fehlgeleiteten Stadtplanung verstanden, sondern eher im Beuysschen Sinn: Jeder Mensch ist ein Künstler. Wenn man sieht, welche schöpferischen Energien wir in die Einrichtung unserer Wohnungen stecken, müsste doch auch für Nachbarschaft und Viertel etwas abfallen. Geradezu eine Vorbildfunktion in der Umnutzung des öffentlichen Raums hat die Subkultur der Skater, die im SSZ Sued (Otto-Fischer-Straße 5) in Bild und Tat ausführlich dargestellt wird. Und Herrwolke, eigentlich: Michael Konstantin Wolke, bietet am Alpenerplatz in Ehrenfeld seine "Kommunikationsprothesen" feil. Das sind bedruckte Gummiteppiche, mit denen man – ein bisschen wie mit dem Handtuch im Hotelurlaub – in den Kampf um den knappen städtischen Platz ziehen kann. Der Künstler geht selbst mit leuchtendem Beispiel voran.

Herrliches Lokalkolorit verströmen zwei eher klassische Projekte: Aus der Nachkriegszeit stammt die Idee eines Pilgerwegs, der die sieben romanischen Kirchen Kölns verbindet – von St. Kunibert im Norden nach St. Severin im Süden. Der damalige Generalstadtplaner Rudolf Schwarz spielte mit ihr, vor zehn Jahren holte sie der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt aus der städtischen Mottenkiste, und jetzt werben gleich vier Kölner Vereine im ehemaligen Diözesanmuseum am Roncalliplatz für ihre Verwirklichung. Eine architektonische Pilgerstätte anderer Art ist das Archiv des verstorbenen Kölner Architekten U.M. Ungers (Belvederestraße 60). Hier wird im Rahmen von "plan12" eine Ausstellung gezeigt, in der Gabriele Basilico sich mit der Fotokamera auf die Spuren des Werks von Giovanni Battista Piranesi begibt. Dieser Meister des Kupferstichs verewigte im 18. Jahrhunderts die wichtigsten Gebäude Roms, und Basilico stellt seine Bilder mit Schwarzweiß-Aufnahmen nach. Sollte jemanden angesichts dieser Baupracht das Fernweh packen, empfiehlt sich ein Besuch des Kölner Doms. Manchmal kann eben auch Größe der Schönheit nichts anhaben.

Plan 12 – Architektur-Biennale

Termin: 21. - 28. September 2012
http://www.plan-project.com

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