Karl Friedrich Schinkel - Berlin

Grossartige Verstiegenheiten im harmonischen Umfeld

Wirkungsvolle und überraschende Schaustücke sowie quietschende Rekonstruktionen. Eine Retrospektive in Berlin zeigt die Werke des preußischen Oberbaurats Karl Friedrich Schinkel. Der Architekt war eine Schlüsselfigur zwischen Klassizismus, Romantik und Historismus. Eine Austellungskritik aus dem Kulturforum Berlin.

Am Berliner Kulturforum brennt Moskau jede Viertelstunde. Dann fährt die mächtig vergrößerte Reproduktion einer Zeichnung, mit der Karl Friedrich Schinkel 1812/13 sein höchst erfolgreiches Bühnenpanorama „Der Brand von Moskau“ festgehalten hat, wie ein Theatervorhang in die Höhe und gibt den Blick frei auf den dreidimensionalen Nachbau der Szenerie.

Ausgeschnittene Figürchen französischer Soldaten und russischer Zivilisten schieben sich durch den Vordergrund und über die Moskwa-Brücke, der Himmel flackert rötlich, vom Tonband tönt fernes Volksgeschrei. Nach zwei, drei Minuten ist alles vorüber – zum Glück für den Rest der Ausstellung, denn so gern man diesen fernen Vorläufer des Kinos auch sieht, der Mechanismus quietscht erbärmlich.

Die freie Rekonstruktion des 200 Jahre alten Spektakels, dessen Originalkulissen wohl schon nach wenigen Jahren verschlissen waren, ist sicher das wirkungsvollste und überraschendste, wenn auch nicht das künstlerisch wertvollste Schaustück der Schinkel-Retrospektive. Deren Anlass ist neben dem Jahrestag der Moskauer Katastrophe der nahende Abschluss eines wissenschaftlichen Großprojekts: Seit drei Jahren werden die rund 5000 Schinkel-Blätter des Berliner Kupferstichkabinetts kunsthistorisch und technologisch untersucht, konservatorisch behandelt und digitalisiert; im Winter sollen die Aufnahmen des gesamten Bestandes online verfügbar sein. Die Ausstellung ist gewissermaßen das Schaufenster dazu.

Nachdem die letzten großen Schinkel-Schauen 1980/81 teilungsbedingt in Ostberlin ohne die Gemälde, in Westberlin ohne die Handzeichnungen auskommen mussten, konnten die Kuratoren diesmal aus dem Vollen schöpfen. Zwar bringt die Beschränkung auf etwa 300 Objekte mit sich, dass die meisten Themen eher angerissen als tiefgreifend behandelt werden, doch eines wird allemal deutlich: Der preußische Oberbaurat Schinkel war dank seiner weit schweifenden Fantasie nicht bloß ein Architekt des Klassizismus, sondern eine Schlüsselfigur an dessen Schnittstelle zu Romantik und Historismus. Neben den Bauzeichnungen stehen Landschaftsstudien und gemalte Stadtfantasien, leuchtend bunte Bühnenbildentwürfe, Möbel, Geschirr und Bilderrahmen nach Schinkels Entwürfen sowie ein großes Modell des Alten Museums, das auch die ursprüngliche Gliederung des Inneren anschaulich macht. Der Eingangsraum versucht, anhand von Porträts – darunter als Leihgabe aus Saint Louis Schinkels Bildnisse seiner Kinder, die noch nie in Deutschland ausgestellt waren – und anderen Zeugnissen, den Privatmann hinter dem rastlosen Arbeiter zumindest ahnen zu lassen.
Höhepunkte sind fraglos jene großen Blätter, auf denen Schinkel seine noch ungebauten Entwürfe für Schauspielhaus, Museum oder Bauakademie so detailreich ausmalte, als wären diese längst selbstverständliche Teile der Stadtlandschaft. Sie bezeugen seine Vorstellungskraft ebenso wie sein Können als Zeichner, aber auch sein diplomatisches Geschick: Welcher Auftraggeber mochte schon Änderungen an einem Projekt fordern, dessen Ergebnis ihm wie fertig vor Augen stand? Nur in Schinkels letzten Lebensjahren klappte das nicht mehr so recht – seine Ideen für einen Königspalast auf der Akropolis und das Lustschloss Orianda auf der Krim waren allerdings auch so kühn übersteigert, dass ihre Ausführung kaum zu erwarten war.

Im eigenen Schauraum des Kupferstichkabinetts schließlich, jenseits der Eingangshalle des Kulturforums, folgt noch ein Kapitel zu Schinkels Zeichenkunst und ihren technischen Bedingungen sowie neuen Erkenntnissen der kunsthistorischen Forschung. So bekommt man musterhaft die verschiedenen Papierarten (samt ihrer Herstellung mit dem Schöpfsieb), Tinten und Federn vor Augen geführt und kann nachvollziehen, wie sie den Stil der Zeichnungen prägen. In den anderen Abteilungen werden dem Besucher – zumindest dem, der sich keinen Audio-Guide in die Ohren stöpseln mag – nur recht knappe Erläuterungen geboten.

Allenfalls eines ließe sich der Schau vorwerfen: Sie ist so schön eingerichtet, so luftig und ebenmäßig gehängt, dass sie die Vorstellung vom Klassizisten Schinkel, welche die Werkauswahl überzeugend zu relativieren vermag, doch wieder bekräftigt. Gewiss, man sieht großartige Verstiegenheiten wie die Entwürfe zu einem Denkmalsdom für die Befreiungskriege oder zu Schloss Orianda, aber das harmonische Umfeld hält den Puls dennoch niedrig.

Vielleicht hätten sich die Kuratoren noch mehr trauen können, etwa die Entwicklung eines Projekts wie das zur Neuen Wache vollständig nachzuzeichnen, von der ersten Idee über alle Umwege und verblüffenden Stilwechsel bis zur gebauten Endfassung, oder auch eine ganze Wand mit Zeichnungen zu pflastern, ohne Rücksicht auf deren Sichtbarkeit, bloß um mal die wahnwitzige Fülle von Schinkels Lebenswerk und Nachlass erfahrbar zu machen. Aber dafür können sich jetzt die vielen Besucher gleichmäßig verteilen, die dieser Ausstellung unbedingt zu wünschen sind.

"Karl Friedrich Schinkel - Geschichte und Poesie"

Termin: bis 6. Januar 2013, Kulturforum, Berlin. Danach von 1. Februar bis 12. Mai 2013, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München.
http://www.schinkel-in-berlin.de

Mehr zum Thema auf art-magazin.de