Astrup Fearnley Museum - Oslo

Mehr als Bling-Bling

Dank Renzo Pianos architektonischer Meisterleistung bekommt Norwegens Hauptstadt nach der grandiosen Oper einen zweiten Aufsehen erregenden, aber zurückhaltenden Bau.
Pianos neues Museum:zur Eröffnung des Astrup Fearnley Museums

Astrup Fearnley Museum

Ein Reeder aus einem Ölstaat kauft Werke von Damien Hirst, Jeff Koons, Matthew Barney und anderen Topverdienern der so genannten "Global Art World" und stellt diese in einem von Renzo Piano entworfenen Museum an der Hafenfront der teuersten Stadt der Welt aus.

Das klingt nach Kunst als Konsum und Kommerz, Zurschaustellen und Bling-Bling. Doch was Sammler Hans Rasmus Astrup und Museumsdirektor Gunnar Kvaran in Oslo dieser Tage dem lokalen und internationalen Publikum präsentieren ist besser.

Ein Prachtbau, der zwar auffällt, weil er ästhetisch ist, aber nicht weil er protzt – das ist das neue Astrup Fearnley Museum, das das Büro von Renzo Piano für die Hafenspitze von Oslos ansonsten recht langweiligen Flaniermeile Aker Brygge entworfen hat. Das Dach des Baus liegt gebogen über dem Gebäudekörper wie das Segel eines Surfbretts, wenn dieses auf den Gabelbaum gelegt ist. Oder wie es Renzo Piano vor den Eröffnungsgästen – zu denen unter anderem Künstler Jeff Koons, Galerist Jay Jopling sowie die Museumsdirektoren Max Hollein und Daniel Birnbaum gehörten – formulierte: "This building is a roof". Darunter: sehr lichte große Ausstellungsräume und ein paar weniger helle sowie – schließlich muss das Gebäude finanziert werden – Büros, in die sich eine Anwaltskanzlei eingemietet hat.

In Oslo wird derzeit gebaut, dass man Angst haben muss: Davor, dass die Stadt bald aussieht wie eine Weltausstellung der neusten Trends in Büro- und Wohnungsarchitektur im Hochpreissegment und davor, dass die vielen Kräne darauf hindeuten, dass sich hier eine ökonomische Blase entwickelt, die bald platzt. Anders als im Rest Europas stehen die Zeichen in Norwegen auf Wachstum – die Unternehmen suchen händeringend nach Arbeitskräften, der Staat erwirtschaftet dank umfangreicher Öl- und Gasvorkommen solide Haushaltsüberschüsse und die Immobilienpreise steigen. Erst kürzlich verkündete das Schweizer Bankhaus UBS einmal mehr, dass Oslo die teuerste Stadt der Erde sei. Unweit des neuen Museums kostet eine Kugel Eis 4,60 Euro und das Bier um die 10 Euro. Dennoch setzt Oslo verstärkt auf Touristen und hofft, diese nicht nur durch Natur, für die das Land ja schon lange bekannt ist, sondern auch durch Kultur anziehen zu können. Neben der phantastischen neuen Oper, die das Büro Snøhetta entworfen hat, ist das Astrup Fearnley Museum der zweite große Wurf.

Wegen der schlicht wirkenden Holzverkleidung und weil das geschwungene Dach dafür sorgt, dass das Haus langsam vom Wasser aus ansteigt und weil es ohnehin nur eine Hand voll Etagen hoch ist, wirkt das Gebäude zurückhaltend. Die Kunst im Inneren ist es ganz und gar nicht. Noch im Eingangsbereich begegnet einem ein dreidimensionales Riesencomicweib mit enormem Hängebusen, geschaffen von Takashi Murakami und preislich auf hohem Norwegen-Niveau. Ähnlich geht es drinnen weiter. Im Obergeschoss hängt ein Delfin von Jeff Koons, in einem anderen Raum zwei Selbstporträts mit Ex-Pornostar und Ex-Frau Cicciolina von ihm. Matthew Barney und Damien Hirst sind ebenfalls gut vertreten. Dazu auch Werke von Cindy Sherman und Shirin Neshat unter anderem im Ausland noch weniger bekannte norwegische Namen wie Jan Christensen oder Ida Ekblad.

Keine Frage, die Sammlung hat einiges zu bieten. Doch so wie der Großteil der Arbeiten derzeit noch präsentiert werden, sehen diese ein wenig wie abgestellt aus. Koons Cicciolina-Bilder hängen wie viele andere auch allzu dicht aufeinander, und Neshats "Women without Men"-Fotografie muss unbedingt einen besseren Platz als im Treppenaufgang bekommen.

Nachdem das Museum die Ausstellungsfläche auf 4000 Quadratmeter ungefähr verdreifacht hat und statt Räumen fast ohne natürlichem Licht nun unglaublich helle, sonnenlichtdurchflutete (keine Angst, das Sonnenlicht wird durch Riesengardinen gedämpft) Hallen bekommt, muss Museumsdirektor Kvaran samt Mannschaft vielleicht einfach erst einmal experimentieren, was geht und was nicht. Oder wir Zuschauer müssen uns erst an die ungewöhnlichen Räume gewöhnen. Piano erklärte die Idee dahinter mit folgenden Worten: "Man kann nicht einfach weiße Boxen machen, die sperren das Licht aus und bringen die Kunst um." Das aber soll in einem von ihm entworfenen Bau natürlich nicht sein. Schließlich sagte er in Oslo auch: "Kunst macht aus Menschen bessere Menschen."

Dass die Sammlung von Werken männlicher amerikanischer oder anglo-amerikanischer Künstler dominiert wird, hat die Osloer Szene hat immer wieder kritisch angemerkt und im gleichen Atemzug gesagt, dass das Haus als Privatmuseum natürlich machen kann, was es will. Dem ist so, und dennoch sollte ein Projekt wie das schöne neue Museum auch von Fragen an Sammlung und Stadtplanung begleitet werden. Das sollte auch im Interesse von Piano und dem Hausherren sein, denn schwer vorstellbar, dass diese nur Bling-Bling wollen. "Eigentlich hätte ich mir gewünscht, dass die nicht einen Architekten wählen, der seit Jahrzehnten schon bekannt ist, sondern ein junges Büro auswählen, von dem sie sehr viel halten", sagt Øystein Rø von 0047, , einem anerkannten, in Berlin ins Leben gerufenen und nun in Oslo ansässigen norwegischen Projektraum für Kunst und Architektur. Das würde passen, schließlich sind Künstler wie Hirst oder Koons auch ziemlich früh für die Sammlung entdeckt worden und nicht erst als alle deren Arbeiten haben wollten, so Øystein Rø.

Das Astrup Fearnley Museum ist nach der Oper nur die zweite einer Reihe neuer Kulturbauten oder Umbauten, die in den kommenden Jahren in der norwegischen Hauptstadt entstehen sollen. Was aus dem Munch Museum wird, ist noch offen, aber das Nationalmuseum sowie die Bibliothek und auch der Umbau des Sitzes der Sparebanken-Stiftung – die groß in deutschen Expressionismus investiert – sind genug, um weiterhin mit Spannung nach Norden zu schauen.