Thomas Heatherwick - Design

Geht nicht, gibt's nicht

Der britische Designer und Architekt Thomas Heatherwick beweist mit seinen charmant spektakulären Arbeiten, dass Design und Architektur fast keine Grenzen gesetzt sind
Spektakulär:Mutig und schön: neue Arbeiten von Heatherwick

Thomas Heatherwicks neuster Wurf: Er verkleidete das alte Heizkraftwerk des Londoner Guy's and St. Thomas' Hospitals mit 108 gewellten und geflochtenen Stahlmatten

Das Metall schimmert im Sonnenlicht, in Kaskaden stürzt es das Gebäude hinunter, auch horizontal wellt es sich. Der sogenannte "Boiler Suit", der die Fassade des Heizwerks des Guys Hospital in London bedeckt, besteht aus 108 geflochtenen Edelstahl-Platten, die nachts von innen beleuchtet sind.

Der "Overall" ist das neuste Projekt des britischen Designers und Architekten Thomas Heatherwick – und eins von vielen Zeugnissen seiner rastlosen kreativen Energie. Der 37-Jährige mit Wuschelkopf und sympathischem Lächeln kann einfach nicht anders: "Jedes Projekt ist ein Experiment", sagt er. Sein Portfolio reicht von einem 56 Meter hohen spitzstacheligen Stahlstern aus 180 Metallrohren ("B of the Bang", Manchester 2002) über eine Leder- und Kunststoffhandtasche für den Pariser Luxushersteller Longchamps ("Zip Bag", 2003), dessen New Yorker Laden er auch einrichtete, bis zu einem Marktplatz, den er komplett mit blauen Glasfliesen auslegte ("Blue Carpet", Newcastle upon Tyne, 2002). In Planung befindet sich ein hölzerner buddhistischer Tempel in der japanischen Stadt Kagoshima, dessen Wellenform auf einem gefalteten Tuch basiert. Seine Arbeiten sind so vielfältig, dass sein Mentor Terence Conran ihn einen "modernen Leonardo da Vinci" nennt. Für den Garten des berühmten britischen Designers baute er noch während seiner Studentenzeit am Londoner Royal College of Art ein Türmchen.

Sein Atelier in der Nähe des Bahnhofs Kings Cross gleicht einem Think Tank des urbanen Bauens. Dort arbeiten Designer, Architekten, Ingenieure, Statiker, Bühnenbildner, Psychologen und sogar ein Poet – insgesamt etwa 30 an der Zahl. Seine Lebensgefährtin, die Landschaftsarchitektin Maisie Rowe, ist schon von Anfang an – seit 1994 – mit dabei. Heatherwick beschreibt diese Ballung kreativer Kräfte als "ein einziges großes Forschungsprojekt". Auf Regalen stapeln sich Materialien wie Stahlwolle, Seile, verschiedene Arten von Plastik und Glas. Er liebt es, einfache und billige Rohstoffe zu verwenden. "Luxus ist nicht teures Leder, sondern eine extravagante Idee." Gerade baut er in Wales ein Gebäude für ein Kulturzentrum aus leichtem, lufthaltigem Beton, "nicht teuer, aber stark und isolierfähig."

Preiswert ist auch das rostende Metall, aus dem das East Beach Café am Strand des Seebads Littlehampton gebaut ist. Wie ein vom Wasser angeschwemmtes Stück Treibholz liegt es auf dem Sand. Wellenförmig streckt sich die metallene Haut in mehreren Sektionen – ein ungewöhnliches Zusammenspiel von organischer und industrieller Formensprache.

Ganz anders seine Plastik für das neunstöckige Atrium des Londoner Hauptquartiers des medizinischen Forschungsinstituts "Wellcome Trust". Die 14 Tonnen schwere und 30 Meter hohe "Wolke aus Draht", wie er sie nennt, besteht aus 150 000 Glasperlen, die auf mehr als eine Million Meter Stahldraht aufgezogen wurden. Die Form der Perlen entstand "innerhalb von zehn Sekunden": er tropfte flüssiges Blei in einen Behälter mit Wasser, ein Laser scante die entstandene Form und der Computer tat den Rest. Nicht umsonst gab er der Arbeit den deutschen namen "Bleigiessen".

Vielleicht am schönsten ist die "Rolling Bridge" von 2004: eine hölzerne Hebebrücke für Fußgänger über einen Kanal im Westlondoner Stadtteil Paddington. Wenn sie sich öffnet, hebt sich die eine Seite nach oben, bis die ganze Brücke auf der anderen Seite senkrecht in den Himmel ragt. Dann rollt sie sich zum großen Vergnügen der Zuschauer elegant zu einem achteckigen Ball zusammen. Ein Meisterwerk der Ingenieurskunst – und ein überaus charmantes Spektakel.

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