Architekturbiennale

Architecture Beyond Building

Die Gespenster aus dem Grab der Architektur
An Te Liu: "Cloud", 2008 (Foto: Stefano Graziani; © La Biennale di Venezia)

DIE GESPENSTER AUS DEM GRAB DER ARCHITEKTUR

Die 11. Architekturbiennale will unter dem Motto "Architecture beyond Building" Experimente und Visionen vorstellen – und vermeidet nicht immer Klischees.
// GERHARD MACK, VENEDIG

So vergrault man auch die wohlwollendsten Besucher: Inmitten des Biennale-Gartens, auf dem Weg zum deutschen Pavillon, liegt eine mannshohe gelbe Stahlröhre. Die Esten haben die Kulturidylle jäh mit Elementen einer Gaspipeline durchbrochen, um an das Projekt Nordstream zu erinnern, mit dem Gas übers Baltikum von Russland nach Deutschland geleitet werden soll.

Solche Transportinfrastrukturen verändern ganze Landschaften und den Alltag ihrer Bewohner. Wo es um Energie geht, stellen sich Machtfragen, wegen denen schon auch mal kriegerische Auseinandersetzungen geführt werden; Georgien, der Irak und Afghanistan sind da nur einige Beispiele unter vielen. Was kann Architektur in einer solchen Situation ausrichten? Sind Architekten da nicht bestenfalls Fassadenkosmetiker, die es erleichtern, sich in einer ungemütlichen Welt einzurichten, ohne ständig an ihre Bedrohungen zu denken?

Der Beitrag Estlands ist einer der griffigsten bei der 11. Architekturbiennale Venedig, und er überzeugt vielleicht gerade deshalb, weil er sich kaum um die Vorgaben schert, die Biennale-Leiter Aaron Betsky im Vorfeld ausgegeben hat. Der langjährige Direktor des Niederländischen Architekturinstituts NAI in Rotterdam, der seit 2006 das Cincinnati Art Museum leitet, wollte unter dem Motto "Out There – Architecture Beyond Building" Architektur-Experimente und "Visionen anderer Welten" anregen. Nach der Präsentation der Megacities und ihrer Probleme bei der Architekturbiennale 2006 sollten die Architekten dieses Jahr vom konkreten Projekt ein paar Schritte zurücktreten.

Die Fantasie darf an die Macht

"Bauten sind das Grab der Architektur", dekretierte Betsky. Die Teilnehmer der Biennale sollten die Köpfe lüften und ein wenig träumen. Statt im Schweiß über Traufhöhen, Ausnutzungsziffern, verstopfte Straßen und beinharte Generalunternehmer zu brüten, durfte die Fantasie an die Macht. Die Freiheit des Spiels, wenn nicht gar ein Hauch von Utopie lag in der Luft. Man dachte an all die futuristischen Konzepte von Architekten wie Archigram aus den 1960er Jahren, zumal Betsky selbstsicher genug war, seine Ausstellung in eine "andere Tradition von Architektur" einzureihen.

Die Freiheit von der Fron am Konkreten führte nun allerdings in den seltensten Fällen zu überzeugenden Beiträgen. Mit dem futuristischen Appeal lebte auch der alte Technikglaube an die unendlichen Möglichkeiten des Homo Faber wieder auf. Die Rotterdamer Architekten von MVRDV, die in Deutschland bekannt wurden, als sie bei der Expo Hannover eine Landschaft wie eine Tortenschnitte zu einem Haus aufschichteten, um Platz zu gewinnen, lassen auf einer Animation die Häuser kreuz und quer in den Himmel schießen, solange sie es nur erlauben, ihre "Skycars" daran anzudocken. Funktionalismus feiert fröhliche Urstände. Das gilt zumeist auch da, wo die Auswirkungen des Internets auf Städteplanung und Architektur untersucht werden.

Die Bedürfnisse von Mensch und Natur sind das zentrale Thema

Droog Design und Christian Bunyan und Jennifer Skupin vom Büro Kesselskramer tüfteln ein System aus, um die rasant wachsende Zahl von Singles in unseren Städten miteinander zu vernetzen. Und Guallart Architekten aus Barcelona haben für ihr "Hyperhabitat" einen ganzen Raum mit in transparenten Kunststoff gefrästen Alltagsobjekten und Computern verdrahtet. Alles steht miteinander in Verbindung. Jeder Stuhl kann angesteuert werden und hat bis zu zehn verschiedene Referenzen. Wenn man den Maßstab wechselt, symbolisiert er sogar ein Theater. Wer will, kann von jedem Objekt im Raum Bilder über die Wände sausen lassen und die Welt symbolisch verändern. Da ist es kein Wunder, dass Big Brother um die Ecke lauert. Das afroamerikanisch-deutsche Duo Erik Adigard und Chris Salter von M-A-D ordnet die Besucher sofort in eine Pixel-Überwachungswand ein.

Neben dem Technikglauben zeitigt Betskys Aufruf vor allem eine Ambivalenz aus harmlosen Bildern und detailversessenen Präsentationen. Ökologie, die Bedürfnisse von Mensch und Natur, sind das zentrale Thema dieser Architekturbiennale. Das machen die Wiener Coop Himmelb(l)au deutlich, indem sie uns unter eine Haube treten und zwei Griffe anpacken lassen. Sofort wird unser Herzschlag zum gewaltigen Sound, den Farbabfolgen auf Screens begleiten. Dass Bauen mit dem Körper zu tun hat, ist für den gewaltigen Aufwand vielleicht eine bescheidene Einsicht. Am ernüchterndsten sind drei riesige biogrüne Würfel, die der Italiener Massimiliano Fuksas in die lange Halle des alten Arsenale gestellt hat: Drei kümmerliche Animationen scheinen daraus hervor. Wir schauen dem Alltag einer Familie zu, am Ende bildet das, was sie konsumiert hat, einen riesigen Abfallberg.

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