Kassel

Weitblick: Klar, zur Documenta fährt man nach Kassel. Aber wer hat außerdem einen Blick für die ewigen Werte? Der romantische Bergpark Wilhelmshöhe mit seinen pittoresken Tempeln, Wasserspielen, begehbarem Herkules-Monument und der märchenhaften Löwenburg ist atemberaubend. Kein Wunder, dass er jetzt auch offiziell zum Weltkulturerbe zählt. Im Museum Schloss Wilhelmshöhe am Fuß der mäandernden Gartenlandschaft warten die schönsten flämischen Gemälde und jede Menge Rembrandts in herrlicher Kulisse – nicht auf die nächste Documenta, sondern auf Sie!

Kassel

Pissblume: Hier wird die Märchenstunde zum Multimedia-Erlebnis. Im neuen Museum auf dem Weinberg wandelt man auf den Spuren der Gebrüder Grimm. Neben historischen Artefakten gibt es in der Grimmwelt jede Menge Kunst und Gimmicks, die von den berühmten deutschen Märchenonkeln inspiriert wurden. Zum beispiel eine Rumpelstilzchen-Lesung in 28 Sprachen oder einen sprechenden Zaubertrichter, der ein hineingerufenes Schimpfwort in einen entsprechenden Begriff aus dem Grimmschen Wörterbuch übersetzt. "Pissblume" oder "Rabenaas" statt "Idiot".

Frankfurt

Und dieses Cafe! Es gibt nur wenige Museen, die einen ähnlich erhellenden Blick auf die Kunst- und Kulturgeschichte bieten wie das Liebighaus in Frankfurt. In der am Main fast direkt neben dem Städel-Museum gelegenen Villa trifft die Athena des Myron auf erhabene Buddha-Köpfe und barocke Engel. Gut 5000 Jahre Bildhauerei, vom alten Ägypten bis zum Klassizismus, sind hier durch exzellente Skulpturen und Objekte vertreten. Vorwiegend kleine Räume sorgen für eine intime Atmosphäre. Besonders empfehlenswert ist das lauschige Museumscafé.

Darmstadt

Mini-Weltreise: Das wiedereröffnete Hessische Landesmuseum in Darmstadt ist ein Gesamtkunstwerk, in dem man problemlos mehrere Tage am Stück verbringen könnte. Eines der Highlights ist die Zoologische Abteilung.Von einem dunklen Gang blickt man in zehn indirekt beleuchtete Dioramen aus dem späten 19. Jahrhundert. Eine magische Weltreise auf kleinstem Raum. Und ganz ohne Film, Ton und Computer.

Heidelberg

Verrückt: Er war Psychiater, aber auch Kunsthistoriker: Hans Prinzhorn (1886–1933) war fasziniert von der Bildnerei der Geisteskranken, deshalb bat er Psychiatrien im deutschsprachigen Raum um Kunstwerke ihrer Patienten. Sie bilden den Grundstock der heutigen Sammlung Prinzhorn, die in einem umgebauten Hörsaal des alten Universitätsklinikums in Heidelberg untergebracht ist. Da weiterhin gesammelt wird, ist ein Erweiterungsbau geplant, um den Wechselausstellungen eine permanente Schau zur Seite zu stellen, etwa für die Eselin-Pietà von Karl Genzel (1922, Foto)

Creglingen

Ein-Seelen-Wunder: Man sollte schon ein paar Kilometer vorher den Autoradio abstellen. Dann kurvt man still über die sauber geteerten fränkischen Straßen durch die sanften Täler, bis man die Herrgottskirche am Hergottsbach sieht. Nicht mal einen Turm hat das gotische Kirchlein am Friedhof, aber dafür den vielleicht schönsten Schnitzaltar der Welt. Tilman Riemenschneiders Marien-Wunderwerk füllt den kleinen Raum und jede Seele, gut neun Meter hoch, knapp vier Meter breit, aber in jeder anderen Hinsicht endlos. Wer sich hier eine Stunde gönnt, wird sie nie vergessen.

Gotha

Barockes Universum: Sämtliche Superlative sind in Gotha am rechten Platz. Zwischen Eisenach und Erfurt gelegen, richteten sich die Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg, später von Sachsen-Coburg und Gotha, hier ein wahres Universum der Künste ein. Ob in den Prunksälen oder im Herzöglichen Museum: Hier zeigt sich die fürchtliche Sammelleidenschaft in höchster Raffinesse. Meisterwerke wie das Gothaer Liebespaar, einzigartige Cranach-Gemälde, japanische Kleinodien und Architekturmodelle aus Kork bilden das Herz der Inszenierung.

Nürnberg

Lachen über Hitler: Man muss kein Neonazi sein um sich dahin zu stellen, wo Hitler stand. Jeder tut es, der das Zeppelinfeld in Nürnberg besucht, und viele kann man dabei lachen sehen: Die plumpe Größe des Reichsparteitaggeländes wirkt einfach nur absurd. Daran hat der Grazer Architekt Günther Domenig großen Anteil. Der riesige gläserne Splitter, den er 2000 für das Dokumentationszentrum durch die ehemalige Kongresshalle trieb, macht das Pathos des Nazi-Kolosseum bewusst lächerlich. Und schafft innen aufklärerische Pespektiven auf den Größenwahn dieses halb fertigen Symbolbaus. Ein beeindruckender Zweikampf politischer Architekturen – und spott ist hier die siegreiche Waffe.