Yoko Ono im Gespräch

»Die Wahrheit ist simpel«

Sie war Fluxus-Künstlerin, Teil der New Yorker Avantgarde. Dann lernte sie den Beatle John Lennon kennen, störte den Liverpooler Männerbund und wurde eine der meistgehassten Frauen des Planeten. Nun sieht es aus, als könne Yoko Ono, 76, wieder als Künstlerin wahrgenommen werden: Auf der Biennale erhielt sie den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk. art traf sie in New York zum Interview.
»Die Wahrheit ist simpel«

Yoko Ono bei der Präsentation ihrer Installtion "Das Gift" bei der Galerie Haunch of Venison 2010 in Berlin.

Die New Yorker lassen sich sonst nicht so schnell aus der Fassung bringen. Aber als die inzwischen 76-jährige Yoko Ono, die ihr Alter wie ein unnützes Accessoire abzulegen scheint, im Café der Neuen Galerie auf der Upper East Side zum Interview Platz nimmt, schiebt ihr eine Dame mittleren Alters eine Serviette zu. "You rock!", hatte sie darauf gekritzelt.

Der Fototermin auf der Fifth Avenue dauert ganze drei Minuten, weil mit Handy-Kameras bewaffnete Zuschauer anrücken. Yoko Ono trägt es mit der Gelassenheit eines Menschen, der seit mehr als 40 Jahren mit den Sonnen- und Schattenseiten des Berühmtseins lebt.

John Lennon hatte die gebürtige Japanerin 1966 bei einer ihrer Ausstellungen kennen gelernt. Sie war Fluxus-Künstlerin, filmte nackte Hinterteile, nahm ihr eigenes Geröchel auf und ist dafür bekannt, dass sie die Betrachter mit Anweisungen herumkommandiert. Zu ihren berühmtesten Arbeiten zählt "Cut Piece": eine Performance, die sie zwischen 1964 und 1966 in Japan, in New York und London und 2003 ein letztes Mal in Paris aufführte. Bei den Originalstücken in den sechziger Jahren kniete Ono mit teilnahmsloser Miene auf dem Bühnenboden und forderte die Besucher auf, ihr Stück für Stück die Kleider vom Leib zu schneiden. Eine der bekanntesten aktuellen Arbeiten ist das seit 1996 fortlaufende Projekt "Wish Tree", bei dem die Besucher ihre Wünsche auf ein Stück Papier schreiben und an die Zweige eines Baums hängen.

Aktionskunst, gemeinsam produzierte Musik und ihre Mission als Friedensbotschafter verband das Paar Ono-Lennon - und überschattete über viele Jahre die eigentliche künstlerische Arbeit der Japanerin. Jahrzehntelang wurde sie als Drachenfrau, Hexe oder Spalterin der Beatles beschimpft. Doch nach Ausstellungen wie "Yes Yoko Ono" in der Japan Society in New York (2000) oder der Retrospektive "Between the Sky and my Head" (2008), die von der Kunsthalle Bielefeld zum Baltic Centre for Contemporary Art in Gateshead reiste, wurde die in New York lebende Ono bei der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

"Ich hatte das Gefühl, im Nebel zu stehen und aus weiter Ferne ein Nebelhorn zu hören", schrieb sie auf ihrer Website "Imagine Peace" zu ihrer Nominierung. "John wäre so stolz auf mich gewesen."

art: Frau Ono, in der Arbeit "Do It Yourself Dance Festival" von 1966 schrieben Sie: "Schwimm in Deinem Schlaf, geh schwimmen, bis Du eine Insel entdeckt hast." Haben Sie Ihre Insel gefunden?

Yoko Ono: Es ist ein geheimer Ort, der sich in mir befindet. Damals war ich mir dessen noch nicht bewusst, Schritt für Schritt wurde ich es.

Dass Ihr Lebenswerk nach fast 50 Jahren durch die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen öffentlich Anerkennung findet, scheint Sie sehr zu berühren.

Ich war überrascht und glücklich darüber, dass man keine Angst zeigte, mich zu nominieren. Meine Arbeit zu kritisieren hat immer noch eine starke Tradition in der Kunstwelt.

Es muss Sie wütend gemacht haben, dass die Öffentlichkeit sich lange Zeit mehr für die berühmte Figur Yoko Ono als für Ono, die Künstlerin, interessierte.

Ich bin froh, dass es sich nicht mehr nur um mich als Ehefrau eines Stars dreht. Korrigieren wollte ich dieses Bild aber nie. Sehen Sie, was ich mit meinen "Wish Trees" erreichte. Weil ich nicht auf gegeben habe, habe ich etwas Blühendes geschaffen.

Als Sie anfingen, war es eine ohnehin schwierige Zeit für Künstlerinnen.

Und für ausländische Künstler, die wie ich exotisch waren. Es war ziemlich übel. Hinzu kam, dass ich nicht konform lief und kontroverse Kunst machte. Es hat mich schon immer interessiert, die Dinge aufzurütteln.

Können Sie uns etwas über die alten Zeiten in Ihrem Loft auf der Chambers Street in Lower Manhattan erzählen, als Sie als Aktionskünstlerin bekannt wurden und Konzerte veranstalteten?

Es ging mir um Arbeiten, die sich auf einer sozialen, gesellschaftlichen Ebene bewegten und nicht nur persönlich waren. Außerdem wollte ich anderen Künstlern eine Plattform geben. Das erste Loft-Konzert fand im Dezember 1960 statt. Leute wie John Cage und Merce Cunningham schauten vorbei.

Was bewegte Sie dazu, sich der Fluxus-Bewegung anzuschließen?

Ich war bereits da, bevor es Fluxus gab. Die Loft-Konzerte waren berühmt. Eine der Veranstaltungen besuchte der Künstler George Maciunas, was ich nicht einmal mitbekam, so voll war es. "Ich will in meiner Galerie machen, was Yoko macht", erzählte er den anderen. Einer der Künstler, ein fieser Typ, rief mich an und erklärte mir, dass ich damit erledigt sei, weil alle Künstler für George bereit standen. Es gab so viel Neid damals.

Sie setzten sich trotzdem durch?

George rief mich an, um mir meine erste öffentliche Ausstellung anzubieten. Das war 1961 in der AG Gallery, ich zeigte meine "Instructional Paintings". Es lief also sehr gut für mich. Eines Tages sagte George zu mir: "Wir brauchen einen Namen für diese Bewegung." Am nächsten Tag sagte er: "Fluxus, das ist es." Ihm gefiel die Assoziation mit dem Wort "flushing", vor allem "flushing the toilet" - die Toilette spülen.

Mit dem Avantgarde-Komponisten John Cage gingen Sie Anfang der sechziger Jahre auf Tour in Japan. Mit welchen anderen Künstlern arbeiteten Sie?

Ich stellte sie eher auf der Chambers Street vor und war ansonsten eine einsame Wölfin. Meine erste Kollaboration fand wirklich mit John (Lennon) statt. Er war Partnerschaften durch seine Band gewohnt. Ich hingegen nicht. Um mit ihm zu arbeiten, musste ich ein Partner sein.

Was haben Sie voneinander gelernt?

Die interessanten Dinge, die man tun muss, um seine Arbeit öffentlich zu machen. In der Avantgarde teilten wir uns auf andere Weise mit - wir waren solche Snobs!

Sie lernten sich 1966 bei Ihrer Ausstellungseröffnung in der Londoner Indica Gallery kennen. John Lennon kletterte eine Leiter ("Ceiling Painting") hoch und stellte erleichtert fest, dass das Wort "Yes" an die Decke geschrieben war. War er der Erste, der begriff, dass Sie spaßig sein können?

Absolut, aber er hat es nicht so zum Ausdruck gebracht. In meiner Arbeit steckte etwas Männliches, und Männer mögen es nicht, wenn Frauen Sinn für Humor haben.

Besonders, wenn er besser ist als ihr eigener.

Frauen sollen nicht lustig sein!

Sie leben nach wie vor im Dakota Building am Central Park in der Nähe des Lennon- Gedenkparks Strawberry Fields?

Es gab eine Zeit, in der sich 2000 Menschen vor dem Gebäude versammelten, Musik spielten und Lärm machten, und ich dachte: Vielleicht sollte ich lieber wegziehen. Aber ich konnte es einfach nicht.

Bereits in frühen Arbeiten vertraten Sie einen starken feministischen Standpunkt. Warum?

Das mag jetzt ein wenig eigenartig klingen: weil ich Mensch bin. Was dir angetan wird, sollte dich bestürzen. Weil sie so viel Angst haben, sind die Leute jedoch nur halbe Menschen. Ich mache das alles, um ein voll ständiger Mensch zu sein.

Wie beurteilen Sie die Situation Ihrer Künstler-Kolleginnen heutzutage?

Die Bedingungen sind besser, aber es gibt immer noch viele Rückschläge. Lassen Sie uns lieber über normalsterbliche Frauen sprechen, nicht nur über Künstlerinnen. Bei all den Frauen, die in den Notaufnahmen der Krankenhäuser eingeliefert werden, wurde eine von vier von ihren Männern misshandelt. Wenn von Gleichberechtigung die Rede ist, halte ich das für einen Witz. Frauen verdienen nach wie vor nicht so viel Geld wie Männer.

Was bedeutet, dass Ihre Performance "Cut Piece" heute so relevant wie damals ist?

Es ist eine Art geheime Arbeit - nun, vielleicht heute nicht mehr - die sagen soll: Du willst kein Opfer sein, obwohl sie versuchen werden, ein Opfer aus dir zu machen. Es ist ein sehr wichtiges Statement.

Vergangenes Jahr stellten Sie aus Silikon gegossene weibliche Körperteile in der New Yorker Lelong Gallery aus und forderten die Besucher auf, sie zu berühren. Aber statt dessen misshandelten die Leute die Skulptur.

Die Arbeit habe ich auch in Bielefeld gezeigt und die Besucher machten dort genau das Gleiche. Sie lieben es ganz einfach, den weiblichen Körper zu foltern. Ich hatte zwei Freunde, wirklich nette Männer, mit zu der New Yorker Ausstellung genommen. Einer der beiden riss der Skulptur vor meinen Augen einen Zeh ab. Ich war schockiert. In Venedig werde ich die Körperteile in Marmor zeigen. Wenn ein männlicher Künstler hinter der Arbeit gesteckt hätte, wäre die Reaktion der Betrachter vollkommen anders gewesen.

Sie mussten in all den Jahren mit ansehen, wie männliche Kollegen wie zum Beispiel Lawrence Weiner mit ähnlichen Arbeiten mehr Beachtung als Sie fanden.

Weiner kannte ich gar nicht. Nachdem John und ich zusammenkamen, war ich vernichtet. Alles erdenklich Schlechte wurde über mich gesagt. Auch heute noch ist das der Fall. Es gab all diese Lügen, die auf der ganzen Welt über uns erzählt wurden. Wenn ich das an mich herangelassen hätte, wäre ich als Mensch gestorben.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich bin mit meinem Sohn Sean im Studio und nehme ein Album auf.

Sind Ihre Musik und Ihre Kunst für Sie gleichwertig?

Musik, Kunst, das Schreiben, es ist alles das Gleiche für mich.

Sie zählten zu den Gegnern der Bush-Regierung. Die Wahl von Präsident Obama hat die Welt mit Hoffnung erfüllt. Glauben Sie, dass mit ihm vieles besser wird?

Wir sollten keine Ungeduld haben und Politikern, die Zeit geben, etwas zu unternehmen. Ich glaube, dass wir alle Veränderung wollen. Sich dies vorzustellen ist so wichtig, weil es die Kraft hat, Dinge zu schaffen. Diese Art von mentaler Kraft hat geholfen, den Wechsel einzuleiten.

Ihr berühmtes zweites Bed-In in Montreal, bei dem Sie und John Lennon Friedenslieder sangen und über Vietnam diskutierten, hat gerade mit einer Ausstellung im Montreal Museum of Fine Arts 40. Jahrestag gefeiert.

Wir wussten damals, dass die Medien uns schikanieren würden und drehten die Sache um, um etwas zurückzugeben und für den Weltfrieden zu sprechen.

Halten Sie die Aktion heute für naiv?

Alles, was mit Wahrheit zu tun hat, ist simpel.

Zur Person: Yoko Ono

Das Leben der Yoko Ono Yoko Ono wurde 1933 als Tochter einer großbürgerlichen Bankiersfamilie in Tokio geboren.

Sie besuchte Eliteschulen. Wegen der Geschäfte des Vaters lebte die Familie für einige Zeit in den USA. 1945 wurden Ono und ihre Geschwister Zeugen der Bombenangriffe auf Tokio.

Nachdem Yoko Ono 1952 als erste Frau für das Philosophie-Studium an der Gakushuin- Universität von Tokio akzeptiert worden war, studierte sie später Musik, Philosophie und Kunst am New Yorker Sarah Lawrence College. Sie beschloss, sich ohne die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern in Manhattan durchzuschlagen. Während der Ehe mit dem japanischen Komponisten Toshi Ichiyanagi kreierte Ono ihre ersten "Instruction"-Arbeiten. Mit La Monte Young, Komponist und Vertreter der Minimal Music, organisierte sie von der Avantgarde-Szene gefeierte Konzerte in ihrem Loft. Nach dem Scheitern ihrer Ehe litt Ono unter Depressionen. Sie wurde in eine psychiatrische Anstalt in Japan eingewiesen. Mit ihrem zweiten Mann, dem Musiker Anthony Cox, kehrte sie zurück nach New York. Das Paar hat eine Tochter, Cox unterstützte Ono bei ihrer künstlerischen Arbeit. 1966 lernte sie John Lennon kennen, mit dem sie einen Sohn hat, Sean. Seit Lennon 1980 vor dem Dakota Building von einem geistig verwirrten Fan erschossen wurde, verwaltet Ono seinen Nachlass.

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