Editorial Trophäenjäger, Rekordpreise und wahre Kunstversteher

Trophäenjäger, Rekordpreise und wahre Kunstversteher

Liebe Leserin, lieber Leser,

astronomische Preise und schwindelerregende Auktionsrekorde für Spitzenkunstwerke sind eigentlich nichts Neues. 2004 hielten bei Sotheby’s in New York die Leute noch den Atem an, als die Gebote für Picassos "Junge mit Pfeife" erstmals die magische 100-Millionen-Dollar-Marke überschritten. Ein paar Jahre später war es dann fast schon eine Selbstverständlichkeit, dass ein anderes Picasso-Bild, "Die Frauen von Algier", einen dreistelligen Millionenbetrag erzielte. Der Hammer fiel bei 179 Millionen Dollar. Auch ein Modigliani wurde inzwischen für 170 Millionen Dollar versteigert, ein Triptychon von Bacon für 142 Millionen. Und gerade erreicht uns die Nachricht, dass Warhols "Orange Marilyn" für 250 Millionen Dollar an einen Hedgefonds-Milliardär verkauft wurde.

Ein Schnäppchen, wenn man den Preis mit dem vergleicht, was ein arabischer Prinz (offiziell heißt es: die Tourismusbehörde Abu Dhabis) im November bei Christie’s für Leonardo da Vincis "Salvator Mundi" hinblätterte: 450,3 Millionen Dollar, fast eine halbe Milliarde, das ist der neue Richtwert für Kunst-Trophäenjäger. Denn mit Sammelleidenschaft und Kunstverstand ist dieses Wettrennen der Höchstpreise nicht zu erklären. Eher mit Statusdenken und dem Hype um ein Luxusobjekt, das durch massive Marketing-Manöver zum Must-have-Ding für Superreiche wird.

Trophäenjäger, Rekordpreise und wahre Kunstversteher

Kurzlebiger Rekord: 2004 überschlugen sich die Medien, als Picassos "Junge mit Pfeife" bei Sotheby’s für 104 Millionen Dollar versteigert wurde.

Wie unser Autor, Da-Vinci-Experte Frank Zöllner, in dieser Ausgabe darlegt (ab Seite 68), bestehen an Qualität und Urheberschaft des vermeintlichen Meisterwerks erhebliche Zweifel. Dem Käufer geht es um den Erwerb eines raren Markenartikels: einen "Leonardo", "die zweite Mona Lisa". Damit lassen sich Schlagzeilen machen und Publikum anlocken. So verwundert es auch nicht, dass das Bild nun im Louvre Abu Dhabi, dieser millionenteuren Museumsschimäre im Wüstensand der Arabischen Emirate, hängen soll. Als Selfie-Motiv für Touristen und Statussymbol autokratischer Petrodollar-Milliardäre.

Für gute Ausstellungen braucht es mehr als Millionen-Dollar-Kunst, vor allem kluge Kuratoren. Mit dem ART-Kuratorenpreis wollen wir diese kreativen Köpfe feiern. Wer diesmal im Rennen ist, lesen Sie auf Seite 42, im April ehren wir die wahren Kunstversteher – jenseits kurzlebiger Millionen-Hypes.

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de

P.S. Wie kinotauglich Kunst sein kann, zeigen aktuelle Spielfilme über Gauguin oder van Gogh. Damit Sie in Zukunft immer »Im Film« sind, startet in der aktuellen Ausgabe unsere neue Filmkolumne.